25. Juli 2017

Passiver Widerstand

Wasserwerfereinsatz gegen eine friedliche Sitzblockade – Hamburg während des G 20 Gipfels. Foto: Linksjugend [solid]

Was war deine Motivation nach Hamburg zu fahren, um gegen den    G 20 Gipfel zu demonstrieren?


Die Stadt Hamburg ist für mich ein Symbol für eine linke und offene Gesellschaft. Mit dem Gipfel hat man aber versucht, die Freiheit, die sich die Stadt selbst geschaffen hat, zu nehmen. Ich bin nicht gegen die Globalisierung, aber dieser Gipfel wirkt auf mich wie eine Vereinigung von Menschen, die die immanenten  Probleme des Kapitalismus  beraten wollen. Aber sie gehen ja nur die Symptome an und schaffen es nicht, diese Probleme auch nur ansatzweise zu lösen. Sie reden über einen „Marshallplan“ für Afrika, aber als einziger Vertreter  ist nur Südafrika dabei gewesen. 


Kann man überhaupt ein konkretes politisches Ziel der Proteste definieren?


Der Protest ist nicht homogen. Es sind so viele pluralistische und sich selbst als autonom verstehende Menschen unterwegs gewesen. Ich kann da nur für unsere Gruppe sprechen. Unser Ziel war es: Mit Menschen, die durch den Kapitalismus in der Welt abgehängt sind, Solidarität zu zeigen. Wir wollten die Strukturen des Kapitalismus für wenige Tage zum Wanken oder besser gesagt zum Stehen bringen. Das ist uns teilweise gelungen. Wir haben uns zudem nicht allein nur auf die Proteste in Hamburg verlassen. Die Linksjugend Thüringen hatte zum Beispiel im Vorfeld eine Aufklärungskampagne gestartet, um über die Folgen des Kapitalismus aufzuklären. 
Zum Stehen zu bringen heißt konkret ziviler Ungehorsam wie Sitzblockaden?
Die Gruppe, mit der ich unterwegs war, hatte sich vorgenommen, passiven Widerstand zu leisten. Das heißt blockieren und besetzen. Teilweise haben wir das auch geschafft. Wir konnten zum Beispiel den Hafen für eine ganze Weile zum Stillstand bringen. Auch einzelne andere Blockaden waren sehr erfolgreich. 


Wie hast du die Stimmung wahr genommen und wie hat sie sich im Laufe des  Gipfels durch die Gewalt verändert?


Solange sich die Polizei zurückgehalten hat, war die Stimmung sehr ausgelassen. Wir haben an vielen verschiedenen Orten mit vielen verschiedenen Menschen unterschiedlichster Nationen gefeiert. Es waren entspannte Treffen. Es gab Musik, kostenloses Essen und gemütliches Beisammensein. Davon wurde fast nichts nach außen getragen. Ich habe die Stimmung insgesamt als friedlich erlebt, auch wenn es immer wieder mal Personen gab, die gezielt den Kontakt zur Polizei gesucht haben. Aber der Großteil wollte nicht in Konflikt mit der Polizei treten, sondern das weltoffene, das freie Hamburg zeigen und die Proteste auch ein bisschen als Bühne zum Feiern nutzen. 


Wie hast du die gewalttätigen Auseinandersetzungen, die die mediale Berichterstattung überwiegend beherrschten, wahrgenommen?


Wir sind erst Donnerstag in der Nacht angekommen, insofern hab ich die Geschehnisse bei der „Welcome to Hell“-Demo nicht mitbekommen. Leute, die vor Ort waren, haben uns  berichtet, dass es anfangs friedlich war. Zu Beginn wurde ein betrunkener Flaschenwerfer sofort isoliert. Nach der Ansage der Polizei hatte sich auch der Großteil der Vermummten dessen entrissen. Es gab dann nur noch einzelne Vermummte. Ich finde es auch generell sehr schwierig, von „dem schwarzen Block“ zu sprechen. Das ist keine homogene Menschenansammlung. Der schwarze Block ist eine Taktik von Menschen, um sich vor Repression zu schützen. Deswegen kann auch niemand für den schwarzen Block sprechen. Ich selbst nutzte nur gewaltfreie Formen des Widerstands. Distanzieren werde ich mich jedoch nicht, da ich die Motivation zu deren militanteren Formen des Widerstandes nicht kenne. Ich maße mir nicht an, über Menschen, die z.B aus Armut, Angst oder Perspektivlosigkeit handeln, zu urteilen. 


Bei einem schwarzen Block, der 1.000 Leute und mehr ausmacht, ist es doch naheliegend, dass auch Hooligans, Neonazis oder gar Provokateure vom Verfassungsschutz und Leute, die sich um Politik überhaupt nicht scheren, dabei sind?


Was uns stark verwundert hat war, dass bei friedlichen Sitzblockaden von Menschen, die erst kurz vorher dazu kamen, Flaschen und Feuerwerkskörper auch in die eigenen Reihen geworfen wurden. Das lässt mich zu dem Schluss kommen, dass es diesen Demonstranten nicht um den Protest ging. Die haben einfach nur die Gewalt, egal gegen wen, gesucht. Ob das jetzt Linke oder Rechte waren kann man hinterher kaum feststellen. Anwohner, die ja zum Teil erhebliche Schäden erleiden mussten, haben sich in Positionspapieren sogar davon distanziert, dass es sich hierbei um Linke gehandelt hat, sondern vielmehr um stark betrunkene Personen, die Krawall regelrecht gesucht haben. Ich selbst habe keine Rechten gesehen. Es wurde aber immer wieder berichtet, dass an Infoständen und anderswo in der Stadt rechte Gruppen unterwegs gewesen sein sollen. 
Bezeichnend für den Einsatz des Verfassungsschutzes bzw. von Zivilpolizisten ist ein Bild, das zeigt, wie Demonstrierende von einem Zivilpolizisten mit der Waffe bedroht werden. Einige behaupten, er habe sogar in die Luft geschossen. 


Langsam sickern über linke Zeitungen immer mehr Berichte über massive Polizeigewalt und willkürliche Verhaftungen durch. Wie habt ihr das Verhalten der Einsatzkräfte wahrgenommen?


Wir selber konnten uns nur durch Ruhe bewahren und durch intelligentes Handeln vor Repressionen schützen. Interessant war zu sehen, dass die Polizei nicht das Ziel hatte, Leute festzunehmen. Wir konnten oft beobachten wie kleine Einheiten immer wieder durch die Straßen zogen und Demonstranten angegriffen haben. Teilweise wurden sie brutal zu Boden gerissen und verprügelt, manchmal mit gezielten Schlägen und Tritten gegen den Kopf. Aber selbst Person, die Steine oder Flaschen geworfen haben, wurden nicht festgenommen. Man hat sie nur verprügelt und ist dann weitergezogen. Wir dachten im Vorfeld, dass die Gefangenensammelstellen aus allen Nähten platzen würden. Das war aber nicht der Fall. Leute verprügeln und dann ziehen lassen, das war offenbar die Strategie der Polizei. Ich sage aber auch ganz klar, dass die Polizei nur die Exekutive ist und diese Entscheidung kaum selber gefällt haben dürfte. Deswegen ist es für mich unverständlich, dass sich Polizisten dagegen nicht wehren oder zumindest gegen diese Art der Einsatzstrategie positionieren. Die Verletzungsstatistik der Polizei spricht doch Bände: Sie haben selbst mit Pfefferspray beschossen, viele sind einfach dehydriert und dann aufgrund der enormen Belastung zusammengebrochen.

Ich finde, die Polizei hat das ganze Wochenende eine eskalative Strategie gefahren. Friedliche Blockaden wurden meistens innerhalb von wenigen Minuten mit Wasserwerfern geräumt, aber brennende Barrikaden wurden damit nicht gelöscht, vor allem im Schanzenviertel. Auch das Plündern von Geschäften wurde nicht unterbunden.  Vielleicht wollten sie ja sogar genau diese Bilder erzeugen. Vielleicht war auch das der Grund, gewaltbereite Demonstrierende nicht festzunehmen, sondern sie auf der Straße zu lassen. 


Ich will aber auch noch von einer skurrilen Geschichte erzählen. Zwar war die Polizei bei Sitzblockaden wenig verhandlungsbereit und hat meistens Wasserwerfer zum Einsatz gebracht. Es gab aber auch Ausnahmen, die in den Medien aber überhaupt keinen Anklang gefunden haben. Bei einer Sitzblockade auf einer Kreuzung, ließen sich die Menschen nicht durch Repression vertreiben. Sie kamen immer wieder zusammen und hielten die Hände in die Höhe.  Sie gingen friedlich auf die Polizei zu und versuchten, sie zu beruhigen. Die Polizei zog sich dann etwas zurück und es bildete sich sofort eine riesige Sitzblockade. Menschen tanzten und sangen Friedenslieder. Die Polizei zog sich bis auf wenige Kräfte weit zurück, und die noch Anwesenden setzten ihre Helme ab. Einige machten sogar Fotos mit Demonstranten beim Händeschütteln. Das war für mich eine der beeindruckensten Szenen des ganzen Wochenendes. Dort hat sich die Polizei von Demonstrierenden deeskalieren lassen.

th

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/interview/detail/artikel/passiver-widerstand/