7. November 2017

Kritisches Entertainment

Urban Priol steht seit 35 Jahren als Kabarettist auf der Bühne. Viele kennen ihn aus der ZDF-Sendung „Neues aus der Anstalt“ , wo oft mehr Wahrheit gesagt wurde als im heute-journal. Foto: Michael Palm

 

Hat sich im Kabarett durch den Rechtsruck viel verändert?

 
Was mir in letzter Zeit auffällt, auch abseits der AfD und dem ganzen Schmodder, ist eine gewisse Re-Politisierung der Gesellschaft.  Das finde ich schon mal schön. Wenn ich in der Kneipe sitze und etwas politisiere, was ich gerne auch mal etwas lauter mache, dann erlebe ich es immer häufiger, dass sich Menschen dazu setzen und mitdiskutieren. Klar, manche sagen: Du spinnst!  Aber es findet wieder etwas statt, es ist Leben drin.  Der Nachteil ist, dass durch  die Hoffähigkeit, die die AfD erlangt hat, die Leute sich trauen Sachen zu sagen, die sie sich vor wenigen Jahren noch nicht getraut hätten. Das erschreckt mich.  In München hat sich neulich ein Taxifahrer lauthals über die  „Scheiß Kanacken“ aufgeregt. Ich fragte ihn: Was sind sie denn für ein Landsmann? Es stellte sich heraus, er war Grieche. Da passt so vieles einfach nicht mehr zusammen, alles verschiebt sich quer. 


Für das politische Kabarett müssten die Gaulands, Höckes und von Storchs ein goldenes Zeitalter einläuten?


Seit es das Kabarett gibt, wird es tot geschrieben. Dafür sind wir noch sehr lebendig. Ich habe immer schon versucht, nach allen Seiten auszuteilen und jetzt gibt's noch ein paar Seiten mehr. Das ist nicht mehr das Eingefahrene, Bräsige, Merkelsche „alles ist gut“. Dass sich da was tut, ist mir sehr recht. 


Bei der Sendung „Neues aus der Anstalt“, deren Leiter sie über viele Jahre waren, haben viele gesagt: Das ist einer der wenigen Orte, an dem noch knallhart die ungeschminkte Wahrheit gesagt werden darf.  War die kabarettistische Form der Aufklärung immer ihr Anspruch?

 
Wenn uns etwas interessierte, haben wir immer gründlich recherchiert und es von der juristischen Abteilung abklären lassen, sodass uns keiner an den Karren fahren konnte. Aber bei aller schwierigen Kost, haben wir auch einen Unterhaltungsauftrag. Den wollen wir nicht ganz vergessen. Kritisches Entertainment würde ich das nennen.  

 
Was erwarten sie von ihrem Publikum? Was sollen die Menschen am Ende mit nach Hause nehmen? 


Wenn ein paar Leute eine kleine Portion Zorn mit nach Hause nehmen, dann ist mir das schon sehr recht. Viele denken sicher genauso wie ich, können das aber nicht so rüberbringen. Die freuen sich, dass es einen gibt, der sagt wie es ist. Das hier oder da auch mal die eine oder andere neue Erkenntnis kommt, oder ein Quergedanke, gehört dazu.  Die Leute sind heute sehr informiert, aber mit dem schnellen Wissen aus dem Internet. Da muss man dann bei manchen Sachen noch etwas tiefer graben. So kommen oft interessante Erkenntnisse  für beide Seiten heraus, auch für mich. Es wird noch mal nach recherchiert und festgestellt wie die Zusammenhänge tatsächlich sind.  


Das Internet verändert die Arbeit aller Künstler. Ihr aktuelles Programm findet sich problemlos in voller Länge im Netz. Stört sie das?


Bis jetzt habe ich das noch gar nicht gewusst. Aber das sind Dinge, die kann man  sowieso nicht verhindern. Ich kann den Leuten schließlich vorher nicht die Handys abnehmen.  
Sehen sie das Internet auch für das Kabarett eher als Chance, sich zu präsentieren?  
Auf jeden Fall. Ich mache auch des Öfteren mal was beim denkfunk (http://club.denkfunk.de). Da habe ich keine Berührungsängste. Wenn die Qualität stimmt, habe ich auch kein Problem damit, wenn meine Sachen kostenlos im Internet sind. Das einzige, bei dem ich mich konsequent verweigere, sind Facebook und Twitter. Da habe ich keine Lust, das ist mir zu doof. Dann müsste man ja noch zwei Pfleger einstellen und ich bin froh, dass ich sonst auch keine Pfleger brauche (lacht) …


Andererseits sind die sozialen Medien für Aktionen,  wie die im aktuellen Programm vorgeschlagenen tausenden Diesel-VW vor dem Kanzleramt und in Wolfsburg, eine gute Organisationsplattform. Könnten sie nicht mit ihren Kollegen einen entsprechenden Aufruf starten?  


Wenn wir das machen, dann sperren die einfach die Zufahrtsstraßen. Aber generell mache ich gerne bei vielen Aktionen mit.  Wenn ich mich da wiederfinde, dann gehe ich auch auf die Straße.  Ich kann ja nicht immer nur auf der Bühne rumhopsen und den Leuten sagen: Geht mal um den Block und macht nicht nur einen Blog, aber es dann selber nicht machen.  


Ihr Kollege Georg Schramm hatte 2012 mal das Angebot von Linksjugend und Piratenpartei als Bundespräsident zu kandidieren. Wie wäre es denn mit einer reinen Regierung der Kabarettistinnen und Kabarettisten?


Ich erlebe es häufiger, dass mir Leute sagen: Ihr müsst jetzt selbst in die Politik gehen. Ich habe da Bedenken, denn das war nie unser Auftrag. Bei uns geht es darum, Politik kritisch zu begleiten und zu kommentieren. Wenn jetzt immer mehr denken, dass wir das besser könnten als die Politiker, zeigt das doch wie sehr die Politik schon auf den Hund gekommen ist. Was mir aber gut gefallen würde, wäre, wenn wir nach einer Debatte im Bundestag anschließend eine halbe Stunde der Satire Raum geben, die das Ganze zusammenfasst. Aber das geht natürlich nicht, weil die „Würde des hohen Hauses“  verletzt wird.  Alle können auf ihren Handys rumbatschen, niemand hört zu, aber Satire  geht nicht.

 
Durch was sind sie zuerst politisiert wurden?  


Bei mir war das ganz klar die Nachrüstung Anfang der achtziger Jahre.  NATO-Doppelbeschluss, Sitzblockaden, die erste riesengroße Demo in Bonn im Hofgarten 1981 mit 400.000  Menschen.  Ein Jahr später waren es sogar schon 600.000 und es ging ohne Probleme.  


Was ist eigentlich passiert, dass die Friedensbewegung heute scheinbar so bedeutungslos geworden ist?  


Es gibt sie ja noch. Es sind viele kleine Gruppen, die gerade den zivilen Ungehorsam leben. Gewaltfreier ziviler Ungehorsam ist die kreativste Form des Widerstands. 
Was genau verstehen sie unter zivilem Ungehorsam?  
Zum Beispiel als es in Nordrhein-Westfalen um die Braunkohle ging. Da wurden bei einem Aktionstag Bäume besetzt, sich mit den Betriebsräten und den Gewerkschaften sehr eingehend unterhalten. Alles war friedlich, unglaublich viele junge Leute ... 


 ... die jetzt vermutlich alle als linksextremistische Straftäter beim Verfassungsschutz geführt werden.


Das ist ja Quatsch. Leider spielt alles, was rund um den G20-Gipfel in Hamburg war, gewissen Kräften genau in die Hände. Da wird man ja automatisch in die linksextreme Ecke gestellt. Ich würde da schon etwas genauer differenzieren wollen. Es macht einen Unterschied, ob man ein Asylbewerberheim abfackelt oder ein Luxus-Auto. 


Aktuell wird viel über die Zukunft  der Arbeit und ein bedingungsloses Grundeinkommen diskutiert. Was halten sie von der Idee? 


Ein bedingungsloses Grundeinkommen halte ich für eine gute Sache. Vor allem nimmt es ein bisschen dieses urdeutsche Denken zurück, dass die Arbeit über allem zu stehen hat.  Seit ich Kabarett mache, haben wir doch diese Erpressbarkeit mit den Arbeitsplätzen. Da könnten wir einen Sockel schaffen, damit es etwas lockerer zugeht. Man sollte nicht immer nur das Negative sehen. Wir probieren viel zu wenig aus. Wenn man sieht, dass es nicht funktioniert, können wir es doch immer noch rückgängig machen. Andere Dinge, die nicht funktionieren werden nicht rückgängig gemacht. Uns fehlt einfach der Mut, Neues auszuprobieren. 


Wie sehen ihre persönlichen Pläne aus?

 

So lange wie Merkel machen sie auf jeden Fall weiter?   
Ich habe da kein Limit gesetzt. Ich gehe auf jeden Fall nicht vor ihr, deswegen habe ich mal die Zahl 2033 genannt. Solange mir das Spaß macht, und davon habe ich sehr viel, mache ich auch weiter. 


Angelika Höfer
Thomas Holzmann

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/interview/detail/artikel/kritisches-entertainment/