11. Juli 2017

Es ist Zeit für Veränderungen

Helmut Holter war von 1998 bis 2006 Minister für Arbeit und Bau in Mecklenburg-Vorpommern sowie Stellvertreter des Ministerpräsidenten Ringstorff in der rot-roten Koalition.

Wie kam die Verbindung zur Thüringer Bildungspolitik zu Stande?


Thüringen steht vor großen Herausforderungen in der schulischen Bildung wie etwa Stundenausfall, Lehrer*innenmangel, Schulstandorte, Inklusion, Integration. Ministerpräsident Bodo Ramelow hat mich gebeten, meine norddeutschen Erfahrungen mit schrumpfenden und wachsenden Regionen und den vielfältigsten Reformen in Mecklenburg-Vorpommern in die Debatte über die Zukunft der Schulen im Freistaat einzubringen.


Kommission „Zukunft Schule“ – Warum war die überhaupt notwendig? War das Ministerium von dem Erbe des 25-jährigen CDU-Versagens überfordert?


Die Thüringer Probleme sind über viele Jahre entstanden. Ja, sie gehören zum Erbe der langen CDU-Herrschaft. Bodo Ramelow und Birgit Klaubert haben diese Kommission ins Leben gerufen. Beide wollten auch die unbefangene Sicht von außen und so verhindern, dass der Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen wird. Die Kommission arbeitet an der Sache orientiert parteiübergreifend. Leider hat die CDU-Landtagsfraktion sich verweigert. 
Ab September werden die Empfehlungen in einem Werkstattprozess in ganz Thüringen diskutiert und weiterentwickelt. Es geht um Verabredungen für die nächsten 10 bis 15 Jahre. Die Verbände, Interessenvertretungen, Kirchen und Gewerkschaften sind bereit, sich einzubringen. Ich kann die CDU nur warnen. Es ist leicht, sich an den Rand zu stellen und zu kritisieren. Wer sich stur verweigert, steht aber auch schnell im Abseits.


R2G lobt immer wieder, dass viele Lehrer eingestellt wurden. Auf der anderen Seite gibt es – wie auch zu CDU-Zeiten – teils heftige Kritik von der GEW sowie Proteste von Schülern und Studierenden. Wie passt das zusammen?


Die Proteste sind begründet und fordern die Politik zum Handeln auf. Ja, es ist Zeit für Veränderungen. Dafür hat die aktuelle Koalition bereits wichtige Entscheidungen gefällt. So wurde die Verbeamtung auf den Weg gebracht. Eine Vertretungsreserve wurde gebildet. Ein Inklusionskonzept erarbeitet. Mehr Lehrer*innen wurden eingestellt. Das reicht aber noch nicht, um den Unterrichtsausfall zu minimieren. 
Als amtierender Bildungsminister hat Benjamin Hoff in seiner Regierungserklärung am 1. Juni darüber berichtet und unter anderem eine „Thüringer Unterrichtsgarantie“ angekündigt. Ich sehe mich in der Verpflichtung, dieses Versprechen mittelfristig einzulösen.


Gibt es überhaupt genug ausgebildete Lehrer, um den Unterrichtsausfall kurzfristig zu stoppen?Wie wird das Seiteneinsteigerprogramm aussehen? Wer kann sich damit als Lehrkraft bewerben?

 

Für den Unterrichtsausfall gibt es unterschiedliche Ursachen. Es gibt Ausfall, der kurzfristig entsteht, wenn zum Beispiel ein Lehrer erkrankt. In kleinen und einzügigen Schulen wird es in diesem Fall wohl kaum einen zweiten Fachlehrer für Musik geben, der direkt einspringen kann. Auch deswegen sollen Schulen kooperieren, um flexibel auf diese Ausfälle reagieren zu können. Ausfall kann aber auch durch Schwangerschaft, Mutterschutz und Elternzeit entstehen. Dafür und für andere Fälle brauchen wir mehr Vertretungslehrer*innen. Die Kommission hat vorgeschlagen, diese auf 550 Stellen zu erhöhen. Generell fehlen Lehrer*innen für Mathe, Chemie, Physik, Musik und Sport. 
Der Freistaat sollte wie für den Wirtschaftsstandort auch für den Bildungsstandort Thüringen werben, materielle und finanzielle Anreize für Studierende, Lehramtsanwärter*innen und Lehrer*innen schaffen, um junge Menschen nicht nur nach Thüringen zu bringen, sondern um sie an Thüringen zu binden. Diese Bindekräfte sollte die Landesregierung gemeinsam mit den Schulträgern entwickeln und anwenden. Eine Maßnahme wäre, und das ist nur gerecht, dass Lehrer*innen am Gymnasium und an der Regelschule gleich entlohnt (A13) werden. 
Ja, das Seiteneinsteigerprogramm ist wichtig und notwendig. Warum soll ein ausgebildeter Chemiker nicht Chemie unterrichten können? Er würde in jedem Fall nachqualifiziert werden, um die pädagogischen Kenntnisse und didaktischen Fähigkeiten zu erhalten. Lehrkräfte mit Fächerkombinationen, die mehr als notwendig vorhanden sind, sollten bewegt werden, sich in Mangelfächern ausbilden zu lassen. 
Und nicht zuletzt, Thüringen sollte in der Europäischen Union nach Lehrkräften suchen!


Muss das Tempo bei der Inklusion, wie von Bodo Ramelow angedeutet, gedrosselt werden, um die Schulen nicht zu überfordern?  


Inklusion geht uns alle an. Alle müssen mitgenommen werden: die Eltern, die Lehrkräfte und auch die Kinder. Wir können Kinder mit Förderbedarfen nicht holterdipolter in normale Schulen stecken. Dafür müssen die personellen und materiellen (barrierefreien) Voraussetzungen geschaffen werden. 


Wie können konkrete Maßnahmen zur Entlastung der Lehrkräfte von  „nicht-pädagogischen Aufgaben“ aussehen?


Das ist eine sehr wichtige Frage. Lehrer*innen sollen schließlich unterrichten und nicht in der Verwaltung ersticken. In großen Schulen und in Schulverbünden sind Verwaltungsleiter*innen vorstellbar. Die Lehrkräfte brauchen digitale Arbeitsplätze in der Schule. Die Schulen sollen mit Hilfe von Schulbudgets freier und flexibler in ihrem eigenen Management werden.
Werden auch generelle Reformen – z.B. bei den Lehrplänen und modernen Unterrichtsmethoden – angestrebt? 
In erster Linie geht es um personelle, strukturelle und organisatorische Fragen. Der jeweilige Stoff muss innerhalb der vorgesehenen Stunden vermittelt werden. Dafür bedarf es ausreichend Lehrer*innen. Schon heute müssen Abiturienten*innen motiviert werden, auf Lehramt zu studieren. 
Eine zukunftsorientierte Schulnetzplanung muss die Frage nach der Zukunft der Schulen in den Städten und den Dörfern beantworten. Dafür bedarf es eindeutiger Regeln und Kriterien, wie etwa Mindestschülerzahlen in einer Klasse und in einer Schule. Dies wiederum braucht regional unterschiedliche Antworten zum Beispiel dazu, wie viele Parallelklassen es an einer bestimmten Schule geben soll bzw. muss. Eines ist klar, ohne Kooperationen wird ein qualitativ gutes Schulangebot in ganz Thüringen nicht möglich sein. Ich kann mir auch eine Zusammenarbeit zwischen den freien und öffentlichen Schulen vorstellen. Die Digitalisierung der Schulen und des Lernens ist genauso wichtig. Warum soll nicht Fachunterricht durch e-learning ermöglicht werden? Die notwendigen Voraussetzungen müssen mit der Thüringer Digitalisierungsstrategie bestimmt und dann geschaffen werden. 

Dr. Birgit Klaubert kann ihr Amt aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr weiterführen. Bodo Ramelow hat Sie als Nachfolger benannt. Wann werden Sie ihr Amt antreten?


Zunächst: Ich schätze Birgit Klaubert sehr. Ihre Entscheidung habe ich mit Hochachtung und Respekt zur Kenntnis genommen. Ich wünsche ihr alles Gute.Planmäßig werde ich nach der Sommerpause Ende August vor dem Landtag vereidigt. Damit übernehme ich auch den Staffelstab. Die Zeit bis dahin werde ich nutzen, um mich noch tiefer in die Materie einzuarbeiten. Ich habe einen Riesenrespekt vor dieser Aufgabe und freue mich auf Thüringen.