30. Januar 2018

Eine andere Art des Wirtschaftens

Eva Nolte und Christoph Stolke im Bioladen des Erfurter Landmarktes, in der Mageburger Allee 53.

Was sind die größten Unterschiede zwischen dem Landmarkt und einem normalen Supermarkt oder großen Bio-Ketten wie organics?


Der Landmarkt Erfurt ist eine Genossenschaft. Das ist ein sehr großer Unterschied zu den anderen Handelsbetrieben. Wir möchten eine andere Form des Wirtschaftens in den Alltag bringen: gemeinschaftliches Wirtschaften, nicht für Aktionäre, sondern für unsere Mitglieder. Wir nennen uns selbst Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaft. Die Erzeuger haben so eine Vermarktungsmöglichkeit zu Preisen von denen man auch leben kann. Auf der anderen Seite sitzen die Verbraucher mit am Tisch und können sagen, was sie möchten. Eine Supermarktkette wie zum Beispiel Rewe tut zwar so als hätten sie Bio erfunden. Die führen aber höchstens 5 Prozent Bio-Lebensmittel.  Sie machen ganz viel Marketing und geben sich so ein grünes Mäntelchen. Wir dagegen sind zu 100 Prozent Bio. Wir verfolgen  das Ziel, zukünftig noch viel mehr ökologische Projekte und Bio-Landwirte zu bekommen. 


Gibt es in Thüringen genügend Angebote an biologischen Lebensmitteln?


Die Ministerin Birgit Keller möchte das ja auch, und wir machen für das Ministerium auch Catering. Es gibt sogar das hehre Ziel, 10 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche biologisch zu bewirtschaften. Davon sind wir allerdings  sehr weit entfernt. Es ist leider wenig lukrativ, Ökobauer zu werden. Das muss man schon aus Überzeugung machen, denn reich wird man davon nicht. Es ist schwierig, überhaupt an Land zu kommen, denn die großen Agrargenossenschaften sitzen darauf, geben nichts ab und bekämpfen die Bio-Landwirte und die Kleinen regelrecht. Wenn mal einer etwas anders machen will, dann haben die es sehr schwer. Ich kenne  einige sehr schlimme Fälle, wo mit übelsten Mitteln um jedes kleine Stück Land gekämpft wird. Mal von diesen Problemen abgesehen, ist es auch eine sehr schwere körperliche Arbeit, die kaum jemand machen will. 


Die seit Jahrzehnten intransparente EU-Agrarpolitik fördert  auch nur die Großen und für Kleine bzw. für Bio- Landwirte bleibt nichts übrig?


Die Bio-Landwirte kriegen schon Geld aus den EU-Töpfen, aber es ist auch Ländersache.  Unter der rot-rot-grünen Landesregierung ist es deutlich besser geworden. Das hört man vielerorts und es ist Bewegung in die Sache gekommen. Auch durch den Milchpreisverfall gibt es ein stärkeres Umdenken. Bei 100 Kühen von heute auf morgen auf Bio umzustellen, ist nicht so einfach. Da gehört ein Denkprozess, eine andere Herangehensweise dazu. Es werden andere Futtermittel, andere Medikamente usw. gebraucht. Es braucht eine andere Einstellung zum Tier und zur Natur. Wer Willens ist, der kommt auch an Fördermittel. Insgesamt muss man sagen, dass Bio in Europa praktisch keine Lobby hat. Es wurden einige Gesetze verschärft, sodass das Bio-Siegel schneller wieder entzogen werden kann. Das kann auch passieren, wenn der Nachbar spritzt und es auf das eigene Feld herüberzieht. 


Ähnlich dürfte es bei der Gentechnik sein. In Europa will das kaum jemand, aber am Ende ist es durch die vielen Importe kaum zu verhindern?


Bei den Tieren, die wir aufgrund unseres enorm hohen Fleischkonsums mästen, kommt das meiste Eiweißfutter aus Südamerika. Diese riesigen Felder dort werden praktisch ausschließlich mit gentechnisch veränderten Pflanzen wie Mais und Soja bewirtschaftet. Das herauszufinden ist alles andere als einfach. Selbst, wenn  alles verboten wird, weiß ich nicht, ob es irgendwie umgangen werden kann. Vor allem, weil man es gar nicht mehr nachweisen kann.


Ohne eine Reduzierung unseres Fleischkonsums, wird sich das kaum ändern. Hat der Hype, den es um das Thema vegan gab, hier zu Veränderungen geführt? 


Das merkt man schon, auch wenn der Trend zum Veganen abebbt. Unsere Kunden wollen durchaus nicht auf Fleisch verzichten, aber sie essen  weniger und dafür viel bessere Qualität. Leider gibt es nach wie vor keine biologische Thüringer Wurst. Mit der TLL sind wir im Gespräch, endlich ein Modellprojekt zu bekommen, damit wir eine Thüringer Biowurst vermarkten können. Es gibt zwar ein paar kleine Fleischer in Thüringen, die das machen, aber die Verfügbarkeit dieser Produkte ist viel zu gering. 


Gerade in Erfurt gibt es ja auch noch ein paar kleine Läden, die im Bereich Nachhaltigkeit Pionierarbeit leisten. Gibt es da Kooperationen?


Ja, wir kennen uns untereinander sehr gut. Wir haben auch einige dieser Projekte gerne begleitet. Die Branche ist sehr klein und wir schauen, wo wir zusammenarbeiten können. Da gibt es schon eine Solidarität und die brauchen wir auch, denn ansonsten kommen wir gegen die Großen nicht an.


Wie kann man unter den gegebenen Marktbedingungen überhaupt dauerhaft gegen diese Großen ankommen?


Wenn man den Schritt in die Selbstständigkeit geht, macht man sehr viele Fehler. Wir hatten das Glück als Genossenschaft, auch vom Eigenkapital her, ganz anders aufgestellt zu sein. Wir haben am Anfang kein Darlehen gebraucht, weil wir Mitglieder hatten, die wollten, dass es vorwärts geht. Auch die Bereitschaft zum Verzicht der Mitwirkenden ist sehr groß gewesen. Als kleiner Betrieb hat man es immer schwer, Räume zu finden, denn die meisten wollen nur an große Firmen oder etablierte Ladenketten vermieten. Fehler haben wir auch gemacht, aber die konnten wir immer irgendwie  mit viel Kraft, Ausdauer und Kreativität ausgleichen. 


Kann man das Genossenschaftsmodell auch als nachhaltiges Kapitalanlagemodell sehen?


Genossenschafter kann prinzipiell jeder werden. 105 sind es zurzeit. Ab 50 Euro ist man schon dabei. Dazu gibt es das Mitgliedermodell. Da bezahlt man im Monat 10 Euro und bekommt für jeden Einkauf 10 Prozent Rabatt und einmal im Monat kostenlos eine Tagessuppe. Das ist sozusagen die Rendite und für uns ergibt sich der Vorteil, dass wir besser planen können. Außerdem kann man einen Kartoffelgenussschein zeichnen. Der beträgt 500 Euro.  Dafür gibt es 5 Prozent Rendite als Kartoffeln ausgezahlt.  Wir erwirtschaften aber noch nichts Nennenswertes, um eine finanzielle Rendite auszahlen zu können. Es gibt auch Mitglieder aus Gera oder sogar aus Hamburg, die uns unterstützen wollen. Wir haben sogar zehn Kartoffelgenussscheine, also immerhin insgesamt 5.000 Euro, aus Baden-Württemberg erhalten. Die kommen jetzt einmal im Jahr, machen hier Urlaub und laden  den Kofferraum voll mit den Kartoffeln. 


Sie bieten zudem eine Biokiste an. Was ist das genau?


Wir haben einen Onlineshop. Dort kann man sich aus unserem Sortiment selbst etwas zusammenstellen und bequem nach Hause liefern lassen. Man kann sich aber auch immer einmal in der Woche eine Kiste, z.B. nur mit Bio-Gemüse, liefern lassen. 
Das klingt als gäbe es ein ganz enormes Wachstumspotential?
Wir haben bereits im letzten Jahr unseren Umsatz mehr als verdoppelt.  Wir führen nicht nur den jetzt größeren Bioladen, sondern auch das Cafe+Bistro, ein Catering sowie die Biokiste. Alle vier Geschäftsfelder entwickeln wir ständig weiter. An Ideen und Kreativität mangelt es uns dabei nicht, nur die Kraft ist manchmal zu Ende.
Was kann die Thüringer Landesregierung tun, um den Biolandbau besser zu fördern?
Genau das hat uns Frau Keller auch schon gefragt. Letzten Endes kommen wir immer wieder zu dem gleichen Schluss: Wir müssen bei unseren Kindern anfangen –  die Schulgärten fördern, selber Gemüse anbauen und immer wieder erklären, was gesunde Ernährung ist. Wir machen auch beim Projekt Schulobst mit. Es gibt ein Schulobstprogramm und Erfurt hat jetzt erstmals gefragt: Ob es auch Bio sein kann? Immerhin 6 von 20 Grundschulen sind jetzt dabei. Die einzige Schwierigkeit, wie immer bei Projekten mit der öffentlichen Hand, ist die Bürokratie. Es gibt tolle Förderprojekte von der Thüringer Aufbaubank, aber auch mit einem riesigen Rattenschwanz an Bürokratie. 


Zurzeit wird viel über das durch die extensive Landwirtschaft verursachte Insektensterben diskutiert. Müssen bald Menschen wie in China für Hungerlöhne Blüten von Hand bestäuben oder was kann uns auch in Deutschland schlimmstenfalls drohen?


Dass es viel weniger Insekten gibt, ist Fakt. Wir waren im Herbst in Südtirol. Dort gibt es nur Monokulturen an Äpfeln, regelrechte Apfel-Mast-Anlagen. Aber man sieht dort keinen Vogel, keine Biene, weil alles totgespritzt wird. Wir sollten mehr auf die Wissenschaft hören und die ganze Diskussion weniger emotional führen. Aber bei den Studien ist es ja immer das Gleiche: Je nachdem wer sie bezahlt, sehen die Ergebnisse aus. Unsere Gesellschaft ist da unglaublich verlogen. Und die ganze Geschichte mit dem Glyphosat hat leider gezeigt, wie manche an die Zukunft denken: Offenbar gar nicht.              

th