16. Mai 2017

„Dann beginnt der 3. Weltkrieg“

Dr. Reinhard Duddek von der Deutsch-Russischen Freundschaftsgesellschaft (links) mit General a.D. Alexej Jegorowich Troschin beim Gedenken zum Tag der Befreiung auf dem Erfurter Hauptfriedhof. Foto: Uwe Pohlitz

Warum spielt der 8. Mai als Tag der Befreiung für die breite Masse der Bevölkerung keine ernsthafte Rolle?


Meiner Meinung nach besteht in Deutschland eine Art Verdrängungskultur. Unangenehme Momente der Geschichte versucht man, beiseite zu schieben oder sie umzudeuten. Dies ist mir besonders stark aufgefallen als sich Merkel mit Putin in Sotschi getroffen hat. Merkel sprach da vom Ende des Krieges. Das ist historisch falsch, denn am 8. Mai 1945 – als in Karlshorst die Kapitulation von Hitler-Deutschland unterzeichnet wurde – war der Krieg noch nicht beendet. In Prag wurde noch einige Tage gekämpft. Und, der 2. Weltkrieg war erst mit der Kapitulation Japans im August 1945 beendet. Deswegen gibt es ja auch den 1. September als großen Weltfriedenstag. Aber auch dieser verliert im Bewusstsein der Menschen immer mehr an Bedeutung. Es ist die Aufgabe der Gedenkkultur, diese Ereignisse wachzuhalten und die Menschen für diese Fragen stärker zu sensibilisieren. Das ist auch das Anliegen der Deutsch-Russischen Freundschaftsgesellschaft. Wir sagen ganz klar – auch bezugnehmend auf die Aussage von Richard von Weizsäcker 1984 – der 8. Mai ist der Tag der Befreiung. Bei der Gedenkveranstaltung auf dem Erfurter Hauptfriedhof wurde gewarnt, wenn die Befreiung vom Faschismus aus dem Gedächtnis der Menschen, insbesondere der Jugend, verschwindet, dann beginnt der 3. Weltkrieg. Leider waren auch dieses Mal zu wenige Menschen da und was mir vor allem gefehlt hat, waren Jugendliche. Insofern war besonders die Veranstaltung am Abend ein positiver Lichtblick und wir hoffen, dass wir in Zukunft so etwas vielleicht gemeinsam machen können.


Wie wird der Tag der Befreiung in Russland oder der Ukraine gefeiert?


Für die Menschen in Russland oder der Ukraine war der 8. Mai – richtiger der 9. Mai – immer der Tag der Befreiung und der Tag der Zerschlagung von Hitler-Deutschland. Es war in diesem Sinne ein Tag des Heldenmutes aller sowjetischen Völker. Dieser gemeinsame Stolz, den barbarischen und unmenschlichen Feind besiegt zu haben, ist eine bleibende Erinnerung. Bei der Veranstaltung auf dem Erfurter Hauptfriedhof waren auch in Deutschland lebende russische Bürger anwesend, die erstmals Bilder von ihren im Krieg getöteten Verwandten hochhielten. In Russland gibt es praktisch keine Familien, bei denen nicht Angehörige im 2. Weltkrieg getötet oder verstümmelt wurden. Für sie ist es ein starkes Gefühl: „Wir haben das geschafft. Wir haben dazu beigetragen, eine friedlichere Welt aufzubauen. Deswegen bin ich auch der Meinung, schon aus diesem Leidensschicksal heraus, die Russen wollen keinen Krieg. 
Trotzdem ist heute die Kriegsgefahr zwischen Russland und dem Westen, unter anderem durch die Konflikte in der Ukraine und in Syrien oder den neu stationierten NATO-Truppen im Baltikum sehr hoch. Machen es sich hier nicht viele mit einem generellen Schwarz-Weiß-Denken – einer ist der Böse und  der andere der Gute – viel zu leicht?
Die Situation ist in der Tat sehr kompliziert und sehr vielschichtig. Syrien war, im Vergleich zu anderen Ländern der Region, relativ weit entwickelt. Das System wurde für meine Begriffe von den Amerikanern destabilisiert. Sie  haben Freischärlergruppen bewaffnet und ausgebildet. Dann trat der gleiche Prozess ein wie in den achtziger Jahren in Afghanistan. Osama bin Laden war auch einst der Hund der Amerikaner und später wurde er der Feind Nummer 1. Beim IS sehe ich es genauso, der Hund wendet sich gegen sein Herrchen und wird selbstständig. Deswegen ist die Situation in Syrien so unübersichtlich, welche Gruppe gegen wen kämpft. Und ehrliche Lösungsansätze sehe ich nicht.


Ist eine Friedenslösung für Syrien vor diesen Hintergründen überhaupt noch im Machtbereich von Trump oder Putin?


Die Frage ist vor allem: Was möchte eigentlich die USA? Hält sie an der Strategie fest, dass Russland der Feind Nummer 1 ist und alles, was im Nahen und Mittleren Osten passiert, nur die Speerspitze gegen Russland ist? Aber hier bin ich kein Experte, der militärische oder ökonomische (Rohstofffragen) bewerten kann.

 

Ähnlich komplex sieht das Problem in der Ukraine aus.


Im Ergebnis des Russisch-Türkischen Krieges kam die Krim 1783 unter russische Herrschaft. Chruschtschow, ein Ukrainer, hat als Generalsekretär der KPdSU die Krim 1954 der Ukraine geschenkt. Damals spielte es keine Rolle, weil man davon ausging, dass die Sowjetunion ewig bestehen werde. Es ging darum, den sowjetischen Menschen in den Vordergrund und nationale Besonderheiten beiseite zu stellen. Das war reines Pathos, was an den realen Gegebenheiten vorbei ging. Auch daraus erklärt sich dann der schnelle Zerfall der Sowjetunion. Nach 1990 war die Krim Bestandteil der Ukraine, aber dort waren auch wichtige russische Militäreinrichtungen. Als die Ukraine sich der NATO annäherte, drohten diese Militäreinrichtungen – unter anderem die Schwarzmeerflotte – der NATO zuzufallen. Die Volksabstimmung auf der Krim war sozusagen auch eine militärstrategische Entscheidung. Das Ergebnis war eindeutig. Wenn jetzt Leute sagen, da ist manipuliert worden, kann ich dies nicht bewerten. Aber man sollte nicht so tun als, wenn das neu und anderswo nicht auch manipuliert wird. Man baut Putin als Bösewicht Nummer 1 auf und versucht, Westeuropa gegen Russland zu stellen. Es ist eine primitive militärische Vorstellung zu glauben, dass sich Westeuropa und Russland in einem Krieg schwächen und ein lachender Dritter besser überleben kann. Käme es zu einer solchen militärischen Auseinandersetzung, dann ist auch der Einsatz von Atomwaffen nicht ausgeschlossen. Das würde kein Mensch auf der Welt überleben. Und das ist die Gefahr: Der 3. Weltkrieg hat ideologisch eigentlich schon begonnen und die Bundesrepublik Deutschland mischt kräftig mit. Bestes Beispiel: die neue Cybertruppe der Bundeswehr. Deren Aufgaben: aufklären, abwehren und angreifen. Dies hat von der Leyen eindeutig zum Ausdruck gebracht. Diese Truppe soll aktiv in Kriege eingreifen. 


Vor dem Hintergrund des aktuellen Skandals um rechtsextreme Offiziere bei der Bundeswehr wirkt das besonders gruselig. 


Ich selbst habe nie gedient und kann das nicht exakt beurteilen. Ich würde aber schon sagen, dass der Korpsgeist aus der Armee des Ersten Weltkrieges, der Armee der Weimarer Republik und natürlich der Wehrmacht nahtlos in die Bundeswehr übergeschwappt ist. Diese alten Traditionslinien wirken fort und werden gepflegt. Wir haben heute noch Kasernen, die nach ehemaligen Nazioffizieren benannt sind. Wenn es Ausdruck der demokratischen Kontrolle durch den Bundestags ist, dass Informationen den Abgeordneten verweigert werden, weil sie zu tiefen Einblick bekommen könnten, was in der Bundeswehr wirklich abgeht, so denke ich, wissen wir alle, was das bedeutet.


Dass es in Deutschland Defizite in Sachen Demokratie und Freiheitsrechte gibt, ist klar. Andererseits scheint es gerade damit auch in Putins Russland nicht zum allerbesten bestellt zu sein. Wie schätzen sie die Situation ein?


Das sind doch generelle Fragen. Was heißt Demokratie, was heißt Freiheit? Welche Kriterien stehen dahinter? Wie entwickeln sich diese Begriffe weiter? Von jedem Land, von jedem Volk werden diese Begriffe auch etwas anders gesehen. Bei Russland ist das Problem, dass die Menschen eigentlich gewohnt sind, durch einen Zaren beherrscht zu werden. Nach der Revolution 1917/18 waren die Führer der KPdSU die Ersatzzaren. Die Menschen in Russland sind aus dieser Denkweise praktisch nicht herausgekommen. Das hat sich bis zum „Zaren“ Jelzin durchgezogen. Jelzin war ein schwacher „Zar“, der das Land de facto an den Rand des Untergangs gebracht hat. Putin, als der neue starke Mann, hat dann mit eiserner Hand etwas Ordnung geschaffen. Diese Form des Ordnungschaffens ist mit den Vorstellungen westlicher Demokratien überhaupt nicht kompatibel. Menschen müssen in dieser Richtung erzogen und aufgeklärt werden. Das ist aber ein Prozess, der nicht von heute auf morgen geht. Ein Umdenken gibt es allerdings. Es gibt auch ein Hineinschwappen westlicher Ideen nach Russland. Ich will nicht alles gutheißen, was Putin macht, aber unter den Verhältnissen die in Russland herrschen, wüsste ich nicht so richtig, wie man es anders machen könnte. 


Inwieweit behindern aus ihrer Sicht die Sanktionen gegen Russland das stärkere Ausbreiten von Werten der demokratischen Zivilgesellschaft aus dem Westen nach Russland?


Durch den Boykott gegen Russland konzentrieren sich viele Menschen wieder stärker auf die inneren Kräfte. Das Volk fühlt sich sozusagen in einer Art Bedrohungssituation: „Wir sind von Feinden umgeben“. Der Gedankenaustausch, zivilgesellschaftliche Kontakte sind eigentlich offiziell gewollt, werden aber trotzdem ständig behindert. Wenn wir als Deutsch-Russische Freundschaftsgesellschaft zivilgesellschaftliche Partner aus Russland einladen wollen, ist es oft sehr schwer Visa für sie zu bekommen. Und Russland sagt dann natürlich: Das, was ihr mit uns macht, das machen wir mit euch auch. Das sind doch Kinderspiele. Wie du mir, so ich dir. Daher ist es eine zentrale Aufgabe für die Zivilgesellschaft, die Herrschenden endlich wieder zur Vernunft zu bringen. Wenn Kontakte abreißen, dann steigt die Bereitschaft, militärisch gegeneinander vorzugehen. Wenn wir Frieden wollen, dann brauchen wir stärkere zivilgesellschaftliche Kontakte.


Thomas Holzmann 

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/interview/detail/artikel/dann-beginnt-der-3-weltkrieg/