11. Oktober 2010

Von Kopftuchmädchen und Judengenen ?– „SarraNazi“ on Tour

Thilo Sarrazin, noch SPD-Mitglied, ehemaliger Bundesbankvorstand und Buchautor, versucht derzeit sich als Anstoßer einer angeblich längst fälligen Integrationsdebatte und als Hüter der freien Meinungsäußerung darzustellen. Doch hinter Sarrazins Positionen steckt ein knallharter Biologismus und Rassismus.

Sarrazin zeichnet in seinem Buch das Bild einer deutschen Gesellschaft, die von einem zersetzenden, fremden Islam gefährdet wird. Mit Extrembeispielen, wie Ehrenmord oder islamistischem Terrorismus, wird MuslimInnen eine bestimmte Natur zugeschrieben, die als mit der deutschen Kultur unvereinbar angesehen werden. Deutsch sein und muslimisch sein werden als Gegensätze verstanden. Hinzu kommen pseudowissenschaftliche Argumente: Alle Völker hätten ein besonderes Gen (so ist beispielsweise von einem „Juden-Gen“ die Rede). Nicht nur, dass solche Argumente nicht stimmen, wohin sie führen hat darüber hinaus der Hitler-Faschismus in drastischer Weise gezeigt.

Sarrazin behauptet, die Zuwanderung in der Bundesrepublik sei ein Fehler gewesen, weil dies der deutschen Gesellschaft letztlich mehr geschadet als genützt hätte. Doch zeigen zahlreiche Studien, dass das Wirtschaftswachstum in Deutschland ohne Zuwanderung nicht möglich wäre. Sarrazins Aussage legt außerdem auch eine tiefliegende Verachtung für Menschen offen, die angeblich wirtschaftlich keine Leistung brächten. Menschliches Leben wird demnach ökonomisch abgewogen. Dies bricht mit der Vorstellung der Gleichheit des menschlichen Lebens und verstößt gegen alle Prinzipien von Menschenrechten und Demokratie.

Sarrazin behauptet weiter, Intelligenz sei vererbbar. Da AkademikerInnen immer weniger, hingegen MigrantInnen, insbesondere TürkInnen, angeblich immer mehr Kinder bekämen, verlöre die deutsche Gesellschaft intellektuelles Potenzial. Doch ist Intelligenz bestimmt nicht die Folge irgendwelcher Gene, sondern Folge einer offenen und strukturellen Benachteiligung von Kindern mit Migrationshintergrund und aus der Unterschicht im deutschen Schulsystem.

Doch nicht nur Sarrazins Äußerungen sind das Problem, sondern dass ein so großer Teil der Bevölkerung seinen Positionen zustimmt. Diese große Unterstützung für seine Aussagen beweist, dass Rassismus in der Mitte der Gesellschaft weit verbreitet ist. In anderen Ländern haben rechtspopulistische Parteien in den letzten Jahren erhebliche Erfolge. Sie erhielten zum Teil über 20 Prozent der WählerInnenstimmen und sind sogar an Regierungen beteiligt. Zuletzt zog bei den Parlamentswahlen in Schweden die rechtspopulistische Partei Sverigedemokraterna (Schwedendemokraten) ein. Auch in Deutschland könnte es soweit kommen, wenn sich aus der aktuellen Debatte eine Organisationsperspektive für eine Partei rechts der CDU ergibt. Dem müssen wir als LINKE?entgegentreten.

Linksjugend ['solid] ruft zu Aktionen und Protesten gegen Thilo Sarrazin und rassistische Positionen in unserer Gesellschaft auf. Unter www.linksjugend-solid.de gibt es den Flyer „Warum viele Deutsche Sarrazin zustimmen und er trotzdem ein Rassist ist“ als Kopiervorlage zum downloaden und verteilen.

Juliane Pfeiffer

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/die_junge_seite/detail/browse/5/artikel/von-kopftuchmaedchen-und-judengenen-sarranazi-on-tour/