21. Mai 2013

Hausbesetzungen als Gegenentwurf zur kapitalistischen Normalität

Was für die einen ein legitimes Mittel sozialer und revolutionärer Kämpfe ist, sehen andere als bloße Straftat an. Dabei sind die politischen Forderungen der Hausbesetzerinnen und Besetzer durchaus nachvollziehbar, gerade auch um eigene Aktionsfelder zu erschließen. Foto: Uwe Pohlitz

Am 1. Mai wurde in Erfurt das alte Schauspielhaus besetzt. Seit vier Jahren gibt es kein soziokulturelles Zentrum mehr in Erfurt. Linksjugend [‘solid] Thüringen hat die Proteste gegen die damalige Räumung und verschiedene Versuche von Neubesetzungen unterstützt. Deshalb solidarisieren wir uns mit den BesetzerInnen. Die Räumung wurde durch Gespräche mit VertreterInnen der Stadt am Abend beendet. An dieser Stelle wollen wir die Erklärung der BesetzerInnen dokumentieren:

„Heute, am 1. Mai 2013, haben wir das Alte Schauspielhaus in Erfurt besetzt. Zum einen finden wir das Haus wirklich schick und es eignet sich ideal für einen politischen und soziokulturellen Raum. Zum anderen wollen wir das Datum 1. Mai als einen Kampftag uminterpretieren. 

Für viele ist der 1. Mai einfach nur ein arbeitsfreier Tag, was wir an sich nicht schlecht finden. Im Kapitalismus wird sowieso viel zu viel für ein sinnentleerteres, selbstzweckhaftes Ganze gebuckelt. Für andere, unter anderem auch Nazis, ist er der ‘Tag der Arbeit’. Das finden wir deswegen Scheiße, weil wir kapitalistische Lohnarbeit nicht abfeiern wollen. Der 1 . Mai als ‘Kampftag der ArbeiterInnenbewegung ist nicht unser Ding. 

Für uns ist der 1. Mai ein Tag der sozialen und revolutionären Kämpfe. Ob gegen soziale Ausgrenzungen, Gentrifizierung, zunehmende Kommerzialisierungen und Überwachungen der öffentlichen Räume – Hausbesetzungen sind für uns nach wie vor ein angemessenes Mittel, uns soziale Räume zu erkämpfen. Diese sozialen Räume sind bitter nötig, weil wir Orte der Gegenentwürfe zur kapitalistischen Normalität brauchen, in denen gemeinsam gelebt und diskutiert und gefeiert werden kann und Handlungsstrategien entwickelt werden können. 

Außerdem sind wir es überdrüssig, am 1. Mai irgendwelchen Nazigrüppchen hinterher zu jagen und uns dabei  [...] drangsalieren zu lassen. Das alles für ein buntes und nazifreies Erfurt, dass es für uns so nicht gibt. Angemessener finden wir es, statt der üblichen Anti-Nazi-Reaktionsfelder eigene Aktionsfelder zu erschließen und so die eigenen Positionen zu stärken. 

Da auf den deutschen Staat, aber auch die Stadt Erfurt Verlass ist, werden wir sicher bald geräumt. Wir werden nur passiv Widerstand leisten und nicht freiwillig das Haus verlassen. 

Sollten wir bis zum Abend noch in unserem neuen Zuhause verweilen können, würden wir uns über eine spontane Party freuen, zu der wir herzlichst einladen möchten. Bringt alles dafür nötige mit! Ausgeschlossen von dieser Einladung sind natürlich Nazis, Rassisten, Antisemiten und Homophobe und die Polizei.“

Wie von den BesetzerInnen angenommen, war am 1. Mai sofort ein Großaufgebot der Polizei vor Ort. Trotz anders lautenden Ankündigungen warteten mehrere anwesende Journalisten vergeblich auf Information über die unverhältnismäßig erscheinende massive Präsenz der Beamtinnen und Beamten. Die BesetzerInnen entschieden sich, trotz der Unterstützung von mehr als 50 SympathisantInnen, die Besetzung noch in der Nacht zu beenden.                    

 

Die Erklärung im Internet unter: de.indymedia.org/2013/05/344191.shtml


Auch die Filmpiraten haben ein Video zur Hausbesetzung veröffentlicht: www.filmpiraten.org

Quelle: http://www.unz.de/nc/aktuell/die_junge_seite/detail/browse/2/artikel/hausbesetzungen-als-gegenentwurf-zur-kapitalistischen-normalitaet/