» Startseite

Aktuell
     Politik im Land
     Thema
     Zur Sache
     Land und Leute
     Die junge Seite
     Parlamentsreport


UNZ Verlag

     Kontakte
     Abo-Service
     Produkte
     Werbung
     MediaDaten


Service
     Suche
     Live-Chat

 
ZUR SACHE

August 2010

Weiterbildung von Erwerbslosen ist
erster Schritt gegen Fachkräftemangel

Thomas Holzmann sprach mit Sandro Witt, Gewerkschaftssekretär des DGB-Thüringen für Jugend und Berufliche Bildung

Seit einigen Wochen gehen immer mehr Aussagen bezüglich eines Fachkräftemangels und von nicht belegten Ausbildungsplätzen durch die Medien. Wie ist die Situation in Thüringen?
Was die Ausbildungsplätze angeht, haben wir zurzeit eine Situation, die relativ ausgeglichen ist. Rein statistisch sollte fast jeder Jugendliche, der einen Ausbildungsplatz sucht, auch einen bekommen können. 11.000 Ausbildungsplätzen, stehen aber etwa 12.000 Bewerber gegenüber, es reicht folglich nicht für jeden. Etwa jeder Vierte davon ist außerdem Altbewerber, was zeigt, dass es immer noch eine gewisse Welle der jahrelang Unversorgten gibt. Die Abwanderung von jungen Menschen verstärkt das Problem zusätzlich. Prognostiziert wird, dass im Jahr 2015 in Thüringen 80.000 Fachkräfte fehlen werden. Das wird man auch mit der normalen Ausbildung, die jetzt angeboten wird, nicht auffangen können. Um dieses Problem zu lösen, müssten andere Instrumente geschaffen werden bzw. grundsätzlich überdacht werden.

Trifft der Fachkräftemangel Länder wie Thüringen, die massiv von der Abwanderung betroffen sind, ganz besonders hart?

Ja, denn Länder wie Bayern können ihren Fachkräftemangel z. B. mit Zuwanderern aus Thüringen ausgleichen. Dort werden nicht nur höhere Löhne bezahlt, auch die Arbeitsbedingungen sind besser. Das Problem der Abwanderung ist aber schon mehr als nur ein paar Jahre bekannt. Man hat dann versucht, mit der Fachkräfteallianz bzw. vorher mit dem Ausbildungspakt etwas dagegen zu tun und die alte CDU-Landesregierung begann im Ausbildungsbereich Zahlen aufzuschreiben, wie viele Ausbildungsplätze zur Verfügung stehen müssen. Das haben wir als DGB immer kritisiert, weil diese Zahlen viel zu leicht zu erfüllen waren und sich eigentlich in die Tasche gelogen wurde.

Ist es nicht paradox, wenn es in Deutschland Millionen von Arbeitslosen gibt, die Firmen aber gleichzeitig über Fachkräftemangel klagen und außerdem massives Lohndumping auch in Verbindung mit Hartz IV betrieben wird?

Es ist in der Tat ein Phänomen, dass alle einerseits vom Fachkräftemangel reden und andererseits viele gut ausgebildete, fitte Leute auf dem Arbeitsmarkt sind, die aber Hartz IV beziehen. Ich kenne selber solche Beispiele von Industriemechanikern, die 25 Jahre gearbeitet haben und jetzt Hartz IV beziehen. Eigentlich sollen Wirtschaft, Verbände und Politik dieses Problem angehen. Ich glaube aber, dass sie dazu gar keine große Lust haben. Ich bleibe bei der Aussage, dass Hartz IV eingeführt wurde, um die Löhne zu drücken. Es ging nicht um die Frage von Fachkräften. Jetzt kann man auch den Facharbeitern mit Hartz IV drohen, wenn sie nicht geringere Löhne, schlechtere Arbeitsbedingungen usw. akzeptieren wollen.

Welche Ursachen neben Lohndumping hat der Fachkräftemangel noch?

Natürlich das Thema Bildung. Schon in den neunziger Jahren war immer ein typischer Satz der Unternehmen: Die Azubis können nicht mal den Dreisatz. Ich persönlich halte es für lächerlich, wenn die Arbeitgeber sich darauf zurückziehen und dann gleichzeitig am dreigliedrigen Schulsystem festhalten. Einerseits verhindert gerade – siehe Hamburg – die Bürgerliche Mehrheit gemeinsam mit Arbeitgebern dringend notwendige Reformen in der Bildung, andererseits jammern sie über angeblich nicht ausbildungsfähige Schulabgänger. Das scheint nur noch eine politische Masche zu sein, bei der es nicht mehr um die jungen Menschen geht. Wir müssen mehr über die Qualität der Ausbildung reden und nicht über die Qualität der Azubis. Den idealen Auszubildenden, den die Unternehmen gerne hätten, gibt es nicht und gab es auch früher nicht. Für die ganz extremen Fälle gib es zudem die ausbildungsbegleitende Hilfen, aber die müssen auch in Anspruch genommen werden.
Nachhaltig kann das Problem also nur durch bessere Bildung gelöst werden, aber welche Ansätze können kurzfristig greifen?

Ein Vorschlag, der auch kritisch diskutiert wird, ist der verstärkte Zuzug von ausländischen Fachkräften. Die Kinder, die jetzt in Thüringen nicht geboren wurden, gebären auch keine neuen Kinder und das wird ein Riesenproblem. Wenn sich das nicht ändert, kommen wir gar nicht um das Anwerben von ausländischen Fachkräften herum. Da können auch die Rechten in der CDU rumschreien, es gibt dann keine Alternative. Der Zuzug von ausländischen Fachkräften hätte auch andere Vorteile. Es würde mehr Vielfalt in die Arbeitswelt kommen und dadurch könnten Prozesse, wie längeres gemeinsames Lernen voran gebracht werden, wo andere Länder schon viel weiter sind. Ein Allheilmittel ist das aber nicht. Wir müssen die Erwerbslosen über Aus- und Weiterbildung zu Fachkräften qualifizieren. Das wäre der erste Schritt, den wir eigentlich gehen müssten. In Thüringen versucht SPD-Wirtschaftsminister Matthias Machnig gerade eine konzertierte Aktion gegen den Fachkräftemangel zu starten, bei der gerade junge Erwerbslose qualifiziert werden sollen. Prinzipiell ist das zu begrüßen, aber um das tatsächlich bewerten zu können, muss man noch abwarten, wie es sich in der Praxis bewehrt.
Ein Instrument, von dem man in letzter Zeit häufiger hört, ist das Verleihen von Facharbeitern zwischen den Unternehmen. Könnte das auch bei Fachkräftemangel Anwendung finden?

Solche Verbundlösungen halte ich grundsätzlich für sinnvoll. Wir als Gewerkschaft machen das ja auch. Wenn die IG Metall Hilfe braucht, in einem Bereich, in dem ich mich auskenne, gehe ich dem Sekretär dort mal zwei Stunden zur Hand und er kommt zu mir, wenn ich ihn mal brauche. Diese Solidarität unter den Arbeitgebern müssen wir zukünftig auch stärker einfordern. Sinnvoller wäre es natürlich, wenn nach einer Krise wieder verstärkt Leute eingestellt werden und ein Unternehmen nicht ständig in die Situation kommt, sich Fachleute ausleihen zu müssen.

Da Fachkräftemangel und Ausbildung in unmittelbarem Zusammenhang stehen, stellt sich die Frage, was die häufig geforderte Ausbildungsumlage bringen könnte?

Dieses Thema geht schon weit zurück, als noch bundesweit zwei Millionen Jugendliche ohne betrieblichen Ausbildungsplatz dastanden. Als Gewerkschaft sagen wir, dass die Unternehmen eine Ausbildungsquote von sieben Prozent erfüllen sollten. Man kann das in einem Tarifvertrag regeln, wie es die IG BAU getan hat oder per Gesetz. Die Unternehmen, die das leisten könnten und nicht ausbilden, würden dann eine Strafe zahlen. Für kleine Unternehmen wäre das einfach, denn sie müssten nur ein oder zwei Auszubildende einstellen. Die Großkonzerne, die oft eine Ausbildungsquote von unter einem Prozent haben, müssten in einen Fonds einzahlen. Aus diesem Fonds könnten dann wiederum kleine Unternehmen, die sich Ausbildung nicht leisten können, finanzielle Unterstützung für das erste und zweite Lehrjahr bekommen – deswegen auch der Begriff Umlage. Für Thüringen ist das momentan nicht notwendig, aber bundesweit schon, weil wir immer noch 500.000 Menschen ohne Ausbildungsplatz haben. Die Umlagefinanzierung hat auch viel mit dem Solidaritätsgedanken zu tun, denn die Unternehmen haben auch eine soziale Verantwortung und so würden Großbetriebe, die nicht ausbilden wollen, den kleinen Unternehmen das Anlernen von Fachkräften finanzieren.

Besteht dann nicht die Gefahr, dass die Unternehmen die sieben Prozent Ausbildungsquote in Form von noch mehr unbezahlten Praktika ableisten?

Nein, denn das wäre gesetzlich davon ausgenommen. Umlagefinanzierung und das generelle Verbot von unbezahlten Praktika sind ohnehin als Einheit zu sehen. Das ist unsere klare Forderung an die Bundesregierung, denn sonst werden junge Leute nur noch ausgebeutet. Der DGB bietet schon jetzt nur noch bezahlte Praktika an. Auch die unsägliche Verlängerung der Probezeit auf vier Monate im Berufsbildungsgesetz muss weg. Das hat auch etwas mich Fachkräftesicherung zu tun. Die Unternehmen schaffen sich hier Instrumente, um Mitarbeiter wieder los zu werden, die dann nicht mehr als Fachkräfte zur Verfügung stehen. Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Wir müssen endlich weg von der Generation Praktikum und hin zur Generation gute Ausbildung, gute Arbeit und gutes Leben.


 

Den Menschen verpflichtet


Späte Einsichten