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Mai 2003
Der 17. Juni 1953 in Thüringen
Über neue Erkenntnisse zu einem wichtigen Tag/ein Tagungsbericht
von Günter Platzbach
,,Der Umgang mit dem 17. Juni 1953 - Ein geschichtspolitisches
Lehrstück" hieß eine Tagung des Thüringer Forums
Ende April in Erfurt. Sie verdeutlichte, dass 1953 weder ein Frontalangriff
der DDR-Arbeiter auf den Sozialismus noch der Tag X nach BRD-Plänen
stattgefunden hat. Die Proteste provozierte der Hoffnungen weckende,
aber inkonsequente ,,Neue Kurs", die von der SED statutenwidrig
durchgesetzte Abkehr vom gerade erst proklamierten ,,Aufbau des
Sozialismus". Das Beharren auf Normerhöhungen verschärfte
die Unruhe. So wuchs sich, was vielerorts als Arbeiterauflauf begann,
zum Aufstand aus. Psychologieprofessor Helmut Metzler schilderte
als Zeitzeuge die Spontaneität der Bewegung in Jena.
Das SED-Zentralkomitee dekretierte aber im Juli 1953 die Legende,
ein ,,faschistischer Putschversuch" sei durch Eingreifen sowjetischer
Besatzungstruppen abgewehrt worden.
In einer Regionalstudie zeigte Norbert Moczarski am Beispiel des
Grenzbezirks Suhl das Ausmaß der Proteste: Im Dorf Hellingen
beschlossen 200 Bauern in einer Versammlung der Nationalen Front,
den Bauern K. als ,,beratendes Mitglied" in die Regierung der
DDR zu entsenden. Diese Basisdemokratie bescherte Versammlungsteilnehmern
Haftstrafen in sowjetischen Schnellverfahren. Moczarski fand in
den Archiven ,,keinen einzigen konkreten Anhaltspunkt" für
westliche Einflussnahme. Jochen Cerny bestätigte mit Verweis
auf die neue Veröffentlichung Bernd Stövers (,,Die Befreiung
vom Kommunismus
- Amerikanische Liberation Policy im Kalten Krieg 1947-1991, Weimar
2002), dass westliche ,,Dienste" von der Entwicklung überrascht
wurden und dann versuchten, ,,draufzusatteln". In einer Rundfunksendung
am
Abend des 16. Juni bat der westdeutsche Bundesminister für
gesamtdeutsche Fragen Jakob Kaiser die Streikenden, Ruhe zu bewahren.
Die trotz Geraunes heute kaum bekannten Kommentare des Westberliner
Senders RIAS (in Heyms Buch ist der Egon Bahrs abgedruckt) waren
eher bremsend als aufputschend.
Cerny erinnerte daran, dass nationale Parolen, die neben wirtschafts-
und sozialpolitischen Forderungen zu vernehmen waren und später
in BRD und DDR vielen unverständlich erschienen, keineswegs
systemfeindlichen Charakter hatten: Die SED sah beide Landesteile
als Provisorien an, war Ziel von Kommunisten doch ein anti-faschistisch-demokratisches
Gesamtdeutschland. Am 17. Juni äußerte sich dieses nationale
Moment sehr stark und deutlich", so Cerny, ,,sehr viel stärker
als Arbeiterlieder wurde das Deutschlandlied gesungen". Unklarheiten
in Ost wie West!
Ludwig Elm berichtete, wie einst die SPD im Bundestag, einen Tag
vor den Konservativen, und zwar mit einem weitergehenden Antrag,
den 17. Juni ins Selbstverständnis der BRD eingliederte: Hatten
die Regierungsfraktionen nur einen nationalen Gedenktag beantragt,
so setzte die SPD den 17. Juni als arbeitsfreien Nationalfeiertag
durch. Die Feiertagsabschaffung, die mit der Einigung 1990 erfolgte,
war erstmals 1967 in einer Kabinettsvorlage der Großen Koalition
von Christ- und Sozialdemokratie erwogen worden. Die Kohl-Regierung
ließ 1984 die Bundestagsgedenkstunde zugunsten der Europawahl
ausfallen, was ein früherer BRD-Botschafter in Moskau damals
einen ,,Augenöffner" nannte.
Cerny beklagte, dass ,,DDR-Historiker es den Historikern der BRD
überlassen haben, den Klassencharakter der Erhebung zu benennen",
und verwies auf die 1965 in Westberlin von Arnulf Baring vorgelegte
Studie. JensFietje Dwars zeigte, wie nicht nur in reglementierter
Wissenschaft, sondern auch in der Belletristik unter Berufung auf
den Marxismus nicht Erkenntnisförderung, sondern Blockade betrieben
wurde: Stefan Heyms Roman ,,5 Tage im Juni", bereits in den
fünfziger Jahren verfasst, erschien 1974 in der BRD, aber erst
1989 in der untergehenden DDR. Kontrovers blieb die Einschätzung
des sowjetischen Anteils am damaligen Geschehen. Wollten einige
in der KPdSU, eingedenk des ökonomischen und militärischen
Konfliktherds im geteilten Deutschland die deutsche Karte ziehen
und sich der SED-Führung und ihres Regimes entledigen?
Cerny berichtete, dass nach Bundesnachrichtendienst-Lesart der 17.
Juni eine Provokation der UdSSR war, um Ulbrichts SED-Führung
zu entmachten. Auch der Johannes-Becher-Biograph Dwars fragte in
Kenntnis Moskauer Machtkämpfe, ob sowjetische Führer um
Lawrenti Berija' die der SED den jähen Kurswechsel jener Tage
diktierten, die Proteste gegen die SED-Führung provozierten.
Und so wurden die Teilnehmer gewahr, dass während man jahrzehntelang
nach westlichen Infiltrationsversuchen gefahndet hatte, der Blick
auf östliche Einflussnahme tabuisiert und unerforscht blieb.
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